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Minifant

Imperator

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1

Freitag, 23. Mai 2014, 01:12

The Congress

The Congress
Regie: Ari Folman
Frankreich / Belgien / Luxemburg / Deutschland / Polen 2013
Darsteller: u. a. Kodi Smit-McPhee

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Gleich vorweg: Kodi hat "nur" eine Nebenrolle im ersten Teil des Films - sowie ein paar kurze Bilder als wundervoll animierte Version im zweiten Teil. Der erste Teil ist Realfilm, der zweite Teil ist Trickfilm. Bei den Aufnahmen war Kodi laut Aussage des Regisseurs im Audiokommentar 13 Jahre alt, das ist von Aussehen und Stimme her zutreffend. Die Aufnahmen müssen also vermutlich um 2009/2010 entstanden sein. Danach wurde zweieinhalb Jahre an den Animationen gearbeitet, ehe der fertige Film im Jahr 2013 zur Aufführung kam. In den letzten Monaten war er in Programmkinos zu sehen.

DVD + BD ab 13.06.2014 im Handel
mit Wendecover sowie Audiokommentar des Regisseurs und Feature zur Entstehung der Animationen

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FILMBESPRECHUNG

"Warum drehst du keinen Holocaust-Streifen? Jede mittelmäßige Schauspielerin, die einen Holocaust-Film macht, hat damit Preise gewonnen", argumentiert Sarah gegenüber ihrer in einer beruflichen Krise steckenden Mutter und beschreibt damit ein Phänomen der westlichen Filmindustrie, gegen das die Schauspielerin sich vehement wehrt. Doch dann raubt ihr der Gang der Geschichte die bisher so standhafte Selbstbestimmung.
Schauspielerin Robin Wright erhält im Alter von 45 Jahren mitten in ihrem Karrieretief ein unerhörtes Angebot von ihrer Filmfirma. Das Studio braucht sie nicht mehr. Man braucht nur noch ihr digitales Abbild. Schon in Kürze wird es das Filmemachen so wie man es kennt nicht mehr geben. Schauspieler werden gegen eine einmalige Summe gescannt. Dann kann die Filmfirma 20 Jahre lang mit ihrem digitalen Muster unbegrenzt Filme erschaffen, ohne daß die Schauspieler noch über die Wahl ihrer Rollen entscheiden dürfen.
Robin willigt nach einer Bedenkzeit in das Angebot ewiger Jugend ein, denn der Deal gibt ihr die Möglichkeit, künftig ganz für ihren Sohn Aaron dazusein, der infolge einer seltenen Erbkrankheit langsam Gehör und Augenlicht verliert. Teenager Aaron läßt wie besessen am Flughafen Drachen steigen. Der Junge hat einen ausgesprochen feinen Sinn für die Ästhetik der Bildermagie, die sich am Abendhimmel aus dem Leuchten des Sonnenuntergangs und den Lichtern der Flugzeuge und dem Positionsfeuer der Landebahn zaubert. Aarons Ziel ist es, mit einem Drachen ein Flugzeug zum Absturz zu bringen...

Am Ende der Vertragslaufzeit reist Robin Wright zum Futuristischen Kongreß, wo sie ihren ersten öffentlichen Auftritt absolvieren wird, seit sie vor 20 Jahren ihren Charakter verkauft hatte. Tagungsort ist ein gigantisches Hotel in der Wüste von nirgendwo. Robin Wrights Figur als fotorealistische Filmheldin aus der digitalen Retorte ist allgegenwärtig.
Die gealterte Robin erlebt in dem Hotel einen psychedelischen Alptraum. Eine synthetische Droge im Trinkwasser entfesselt die wildesten Fantasien. Ihr Produzent Jeff Green führt Robin die nächste Generation der futuristischen Unterhaltungstechnologie vor. Aus ihrem digitalen Charakter wurde eine chemische Substanz entwickelt, bei deren Einnahme der Konsument in sein individuelles Abenteuer mit ihr eintauchen und sich völlig grenzenlos mit ihr vergnügen kann.

Hereinspaziert - hier gibt es etwas zu sehen!
Astronautik sei heute eine Form der Erdflucht. Wer die Sorgen der Erde satt habe, fliege in die Galaxie und gedenke so das Ärgste zu versäumen.
Frei inspiriert von der Erzählung "Der Futurologische Kongreß" des Schriftstellers Stanislaw Lem erschuf Regisseur Ari Folman in einer Kombination aus Real- und Trickfilm eine unglaublich intelligente Satire auf die schöne neue Medienwelt. Die von Lem beschriebene Utopie einer virtuellen Realität vermittels des Massenkonsums psychotroper Substanzen, die er seinerzeit unmittelbar aus der Drogen-Popkultur der 1960er Jahre gewann, wird in Ari Folmans Adaption zur logischen Weiterentwicklung der heutigen Cyber Reality - der Verschmelzung von elektronischem Datenfluß mit der humanen Biochemie - einer Chemokratie, wie Lem dieses Gesellschaftsstadium nannte.
Es empfiehlt sich, direkt nach dem Anschauen des Films Lems Erzählung zu lesen und dann mit den frischen Eindrücken von dem Text den Film ein zweites Mal anzusehen. Man wird dann eine Vielzahl von markanten Bildmotiven erkennen, die Folman aus Lems blumigen Beschreibungen von den Vorkommnissen in dem skurrilen hundertstöckigen Hotel herausgepflückt und in sein Storyboard eingepflanzt hat. Eine illustre Gesellschaft aus schrägen Gestalten bevölkert das Hotel. Unter starker Beteiligung der Geheimpolizei werden dort Messen zelebriert: schwarze, weiße, rosarote und gemischte. In diesem Kuriositätenkabinett entspinnen sich ungehemmte Fantasien von Sexorgien, Attentaten, Bombenexplosionen, dekadenten Freßgelagen - das alles verliert sich im Tumult einer gewaltsamen Rebellion von Aufständischen, die das Hotel angreifen.
Die von Ari Folman in Lems Szenario hinein erfundene Protagonistin Robin Wright trifft auf Dylan, den Animator, der 20 Jahre lang ihr digitales Bild für die Miramount Studios in unzähligen Filmen zum Leben erweckte und sich dabei in dieses virtuelle Wesen verliebte. Robin erwacht von einem Traum in den nächsten. Dabei ist sie nur von einem Wunsch beseelt: Sie möchte ihren Sohn Aaron finden.
Mein Geist spaltet sich seltsam entzwei - Robin findet die Welt geteilt in eine durch den Rausch mit glücklich machenden Drogen von allen Lasten befreite Hemisphäre und eine leidvoll im alten Elend dämmernde physische Existenz. Welche Seite ist Realität und welche ist Illusion? Auf welcher Seite befindet sich Aaron? Robins verzweifelte Suche nach ihrem Sohn droht zu einem Romeo & Julia-Syndrom zu werden.
Selbst wenn das Haus 1000 Ausgänge hätte, die alle zugleich benützt würden, kämen niemals alle Bewohner ins Freie, da ja neue Kinder geboren würden und heranwüchsen, ehe der letzte das Gebäude verlassen hätte.

Studios in mehreren Ländern wirkten bei der paneuropäischen Produktion "The Congress" an der Erschaffung des knapp einstündigen Animationsteils mit, welcher überwiegend in klassischer Zeichentrickoptik die Episode beim Futuristischen Kongreß abhandelt, in dem Robin Wright zum zweiten Mal zur Geisel eines jetzt noch perfideren Systems wird. Dabei defilieren amüsierliche Karikaturen von Ikonen der 1980er Jahre Popkultur durch die Szenerie.
Dem vorangestellt ist ein 42minütiger Teil als Realfilm, in welchem Robin Wrights kurzer Weg in ihr langes Schicksal gezeigt wird. Im Zentrum steht hier ihr 13jähriger Sohn Aaron, der am angeborenen Usher-Syndrom leidet: Sein Hör- und Sehvermögen schwindet. Auf geradezu zynische Weise macht das den Jungen zu einem Visionär, dessen Imagination der Zukunft vorausgreift, wie sein Arzt Dr. Barker konstatiert. Der Teenager begibt sich in Fantasiewelten, die seiner Mutter leicht suspekt vorkommen.
Kodi Smit-McPhee hat als Aaron eine eher knappe Rolle, die der geniale Jungschauspieler jedoch mit höchster Präzision ausfüllt. Kodis tiefgründiger Gesichtsausdruck mit seinem ganz speziellen Augenschlag hat in den Realfilm-Sequenzen etwas Melancholisches, und das wird in der folgenden Zeichentrick-Animation frappierend echt eingefangen. Für diese Augen lohnt es sich zu sterben. Mehr als einmal unternimmt Robin den Versuch, ihren Sohn im Jenseits zu erreichen.


© by Minifant

Anmerkung: kursiv gedruckte Passagen zitiert aus Stanislaw Lem " Der Futurologische Kongreß" - deutsche Übersetzung im Insel Verlag 1974

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Minifant« (23. Mai 2014, 01:24)

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Minifant

Imperator

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Freitag, 23. Mai 2014, 01:23

Kodi Smit-McPhee in "The Congress"

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Haley

Administrator

Registrierungsdatum: 24. November 2002

Beiträge: 6 081 Aktivitäts Punkte: 32 200

3

Freitag, 23. Mai 2014, 01:48

Danke für die Vorstellung und Rezension, Minifant.
Als langjähriger Fan und Bewunderer von Stanislaw Lem, den ich zu den herausragendensten Science-Fiction Autoren und philosophischen Utopisten zähle, bin ich sehr gespannt auf diesen Film.
Die BD steht schon so gut wie in meinem Regal.
Für SF-Fans: Die Werke von Lem stufe ich fast alle als genial ein. Abgesehen von dem einen oder anderen frühen Buch wie "Planet des Todes", handelt es sich aber nicht um "Mainstream"-SF.
Lem hat aber nicht nur SF geschrieben, sondern auch viele wissenschaftlich-utopistische Essays.
Ähnlich wie Jules Verne hat er wissenschaftliche Entdeckungen vorausgesehen, wie z.B in seinem "Summa technologiae" (1964) Nanotechnologie und Virtuelle Realität.
Letzteres spielt ja auch im hier vorgestellten Film eine Rolle
Zwei Möglichkeiten gibt es:
Entweder sind wir allein im Universum oder wir sind es nicht.
Beide sind gleichermassen verstörend.

(Arthur C. Clarke)
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Oldman

Imperator

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Beiträge: 547 Aktivitäts Punkte: 2 740

4

Freitag, 23. Mai 2014, 09:46

Auch von mir ein herzliches Danke schön für Deine Filmbesprechung, wie immer höchst interessant.

Ich habe in meiner Jugend fast alle Werke von Stanislaw Lem gelesen, ja nahezu verschlungen, so auch diese Erzählung. Nach Deiner Rezension bin ich gespannt auf die filmische Umsetzung und werde mich dann sicherlich noch einmal äußern.

Einstweilen Danke!

Gruß Oldman
:)
Lasst in eurem MITEINANDER Platz, dass der HAUCH des HIMMELS zwischen euch spielen kann.
(Khalil Gibran)
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Registrierungsdatum: 19. Dezember 2003

Beiträge: 10 098 Aktivitäts Punkte: 53 030

Danksagungen: 12

5

Freitag, 23. Mai 2014, 14:46

Danke für die Rezension. :)

Hier noch ein Trailer zum Film :

http://www.youtube.com/watch?v=QHBl43lMJY0

Die DVD gibt es auch im CW-Shop für aktuell 17,99 €
sowie auch die BD für aktuell 18,99 €
Bei dem Preisunterschied bleibt wirklich nur die Frage, ob es nicht gleich die BD bei mir wird. :)

Wir verlangen, das Leben müsse einen Sinn haben,
aber es hat nur genau so viel Sinn wie wir ihm geben.
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